wilmagedichte / mit illustrationen von agnes

Hier sind neue Gedichte und alte, die noch nicht versorgt wurden.

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Sandkorn

 

Die Bilder schwimmen aufgelöst im Wasser.
Es glänzt. Die Sonne, eierschalenfarben,
steigt aus dem Abendhimmel wie ein blasser,
mit Strassenstaub gemalter Siedepunkt.

Das Salz auf unsrer Haut schmeckt noch nach Frühstück,
obwohl inzwischen viele Muscheln starben.
Der Mensch treibt ewig zwischen Glück und Unglück,
ein Sandkorn nur, ein Wellen-Vagabund.

 

 

Macht der Musik / Musik der Macht (Naive Kunst)

Die Welt ist schwarz von Pulverdampf und Ruß.
Man hört seit Jahren schon Kanonen dröhnen.
Die Bajonette folgen auf dem Fuß.

Die Heere kommen, wie die Heere gehen.

Soldaten schicken Kameraden heim,
mit großen Augen, welche nicht mehr sehen.
Und sie beneiden sie fast, insgeheim.

Zu Hause müsste man das Korn jetzt mähen.

Im Stall liegt ein Verwundeter auf Stroh.
Der Kriegslärm übertönt sein lautes Stöhnen.
Dann brennt ein Balken plötzlich lichterloh.

Wenn nur die Winde jetzt nicht wieder drehen!

Und nachts sieht man den immer gleichen Mann
den Karabiner an die Mauer lehnen;
dann rennt er weg, so schnell er kann.

Von Zeit zu Zeit hört man die Hähne krähen.

Die bunte Uniform ist ganz durchsiebt.
Sein Mädchen wird sie nie mehr an ihm sehen,
obschon sie ihren Schick doch so geliebt.

Wie schön die Röcke sich im Winde blähen!

Die Tür geht auf zu einer neuen Zeit.
Der Pulverdampf wird irgendwann verwehen.
Ein alter Mann spricht voller Heiterkeit:

Bei Papa Haydn kann euch nichts geschehen!



Die Moritat von Ritter Kurt

 

In seiner kalten Burg sitzt Ritter Kurt;
vor ihm die leere Kasse offen steht.
Er nestelt aufgeregt an seinem Gurt;
lauscht, ob es klimpert, doch ist‘s obsolet.

So lang er auch in seinen Säckel guck,
so oft er Inneres nach aussen dreht,
es bleibt ihm nur noch dieser letzte Schluck,
bevor der letzte Krug zur Neige geht.

Er rülpst, dann steht er auf mit einem Ruck,
hält sich am Tisch, wischt sich den grauen Bart,
sagt etwas, was nicht einwandfrei zum Druck,
dann blickt das trübe Auge plötzlich hart

Er greift das Schwert und geht hinunter bis zur Furt.
Die Faust geschlossen und mit grimmem Blick,
stellt er sich allen Enten zum Buhurt
und bleibt als stolzer Sieger auf dem Platz zurück.

Er lässt die Augen schweifen voller Hohn
verspottet ziemlich frech der Toten Reihn:
„Du blödes Vieh! Da hast du nun den Lohn!
Dafür, dass schwimmst in Wasser statt in Wein!“

Doch höret die Moral von der Geschicht!
Herr Kurt, der übermütge Trunkenbold,
entging des Herrn gerechter Strafe nicht,
die ihn noch anderntags ereilen sollt!

Frau Kunigund, sie fand die Kasse und den Krug,
worauf Herr Kurt aus diesem Leben schied,
indem ihn seine kluge Frau erschlug.
Das war sein End und ist auch das vom Lied,

von dem ich hoffe, ihr bedenkt es gut.
Habt Ehrfurcht, achtet Gottes Wort!
Doch denkt beim Weggehn auch an meinen Hut!
Dann seht ihr mich auch wieder hier am Ort!

 

die hoffnung ist rot

 

eine kleine tomate
zittert in unserem
vorgarten, denn

viel zu früh raunt der nordwind:
schlottre, gemüse! dein
ende ist nah!

du sollst nimmermehr reifen!
schliesse den ewigen
frieden mit gott!

doch sie will das noch nicht und
klammert sich hartnäckig
irgendwo an

mit der stärke der schwachen
trotzt sie erbittert
dem frühen tod

sommer-schlussverkauf

 

die sonne brennt.
das hirn quillt auf.
und zeitung liegt frisch gebügelt.
zum meer hin zieht
schön weiss die spur.
auch mücke ist neu beflügelt.
ein stein fährt bald
die letzte tour.
der sommer hat schlussverkauf.

 

 

ort


fäden hängen weit herunter
und fetzen, flocken. kein wort

grauend wird der morgen munter
die vögel trillern, stocken. ort

legt irrweg aus für mensch und tier
damit sich wer im moor verlier

vergessen alles, jetzt und hier
sirenenstimmen locken. fort

schwarzbier

 

die flasche schwarzbier kann mich nicht verstehen.
was kann, oh glas, in deinem sinn ich tun?
ich will getreu dich bis zur neige leeren.
bis man den boden sieht, werd ich nicht ruhn,

in dir devise, motto, sinn zu sehen.
ein hund gibt laut, verbellt den mond.
ich sehe zu, wie mond und bier vergehen,
denk nach, wofür es sich zu bellen lohnt.

da schnellt die flinke fledermaus vorüber,
flitzt durch den mückenschwarm dort unterm licht,
der sich seit tagen nachts im liebesfieber

zum tanz im schein der strassenlampe trifft.
doch leichen zählen wird mir langsam über,
ich kenn ja doch am end die toten nicht!

 

 

am fenster

 

durch eine gesprenkelte fensterscheibe
blickt mich der nebel so zärtlich an.
september rückt mir mit kälte zu leibe
im zimmer ist es behaglich warm

die strasse ist leer, doch am nachbarhaus sieht man
jemand ist dort. vom kamin steigt ein rauch
und hinter dem wohnzimmerfenster ist licht an
man ahnt sogar einen atemhauch

die hausecke schlottert, ihr pfeifen die winde
rauere lieder seit heute. verwöhnt
vom warmen sommer ergreift sie geschwinde
die flucht unters dach, bis es wieder schönt

ich rufe hinüber, wie gut ich mich fühle
wenn ich die tropfen am fenster betrachte
sie brechen ein licht aus den tiefen der seele
der nebel trägt‘s weiter, ganz leise, ganz sachte

 

 

sein letztes wort

„absolut!“, sprach der biber und prüfte genau
wie der stamm fallen sollte, wie kräftig der platsch
und wie mächtig die folgende flutwelle würde

als erfahrener holzfäller macht man sich schlau
schon bevor man zur säge greift, um damit ratsch
solche riesen zu fällen, dass alles erzittert

dieses mal jedoch war ihm ein fehler passiert
beim berechnen der künftigen baumeslage
und da liegt er jetzt flach wie ne pizza darunter

während mich eigentlich immer noch interessiert
was das „absolut!“ meinte. nun kann ich die frage
wohl nicht stellen - naja, das geschieht halt mitunter

 

 

Vollmond

 

Grenzen verschwinden im Vogelbeerschatten.
Blau sind die Ränder des zweitletzten Viertels.
Leber mit Rösti auf „silbernen“ Platten.
Leise nur ächzen die Löcher des Gürtels.

Über den Dächern entblößt sich Selene,
wirft ihren Umhang vor mir in den Garten.
Hüllenlos lockt sie mich. Soll ich, oh Schöne,
heute noch von Cape Canaveral starten?

Stumm macht sie weiter die übliche Runde,
tut so, als sei ich ihr lästig gewesen
wie eine Mücke, vielmehr eine Sonde.

Kann meine Augen nur schwer von ihr lösen,
denke, werd morgen um dieselbe Stunde
wohl auf sie warten an demselben Tresen.

 

Kubismus im Raum

 

Ich war jüngst zur Stippe auf alpha centauri
und traf dort ein Wesen von fürchterlich schauri-
gem Aussehen: Hätt im Vorbeifliegen kaum es
erkannt. Ja, ich hielt es fürs Alb eines Traumes!

Bei näherem Hinsehen glich es verdächtig
dem Bild, das mich morgens im Spiegel so heftig
erschreckt, dass ich hilflos und völlig entwurzelt
es anstarre, bis es in Stücke zerpurzelt.

 

 

sitzen - (es, ergo sedes)

 

du sitzt
weil du bist
wie du bist
sitzt du

an den wänden setzt sich der buchstabe fest
setzen!! brüllt der kategorische

das scheue gurgeln
eines kleinen lachens
ersteigt die mauer
aus sehnsucht und lehm

es plätschert über asphalt
und verdunstet so leise
wie es kam

das gelbe elend zittert leicht,
doch es steht

angst sitzt
schweiss rinnt
im/übern nacken

lehm wurde von menschen
im feuer gebacken

zum wohle des volkes

grilliere uns
unser täglich lehmbrot

° ° ° ° ° ° ° ° ° °
unterm rost herrscht weder not
an glut
noch
wut


Der kleine Steinbrech

Der kleine Steinbrech bricht den Stein nicht wirklich.
Er passt sich nur der Unterlage an.
Doch an der Blüte sieht man, dass er merklich
auf großes Selbstbewusstsein bauen kann,

als ob er Wurzeln hätte bis Australien,
mit Calcium bis oben voll und satt
sei, mit dem Maximum an Mineralien
vollgestopft. Doch weiß er, was anstatt

des Felsens unter ihm, statt harten Gneises,
porösen Kalks und spröden Schiefers ist?
Er zeigt kein Interesse, nicht mal leises,
und spottet nur: "Wer weiß, ob i h r das wisst?"

 

 

Änderung im Programm

 

In der Almkäserei war Hanspeter noch wohlauf.
Auch der Enzian kroch mit strahlendem Blau hangaufwärts
und -abwärts; die Kühe mähten die Wiese langsam,
bedächtig nach Hornviehs Art, ohne Sturm und Drang.

Sie verschissen nur ab und zu die verschonten Halme
des saftigen Grases rund um die schöne Almweid!
Da wandte mein Freund vor Ekel sich ab, und aufgeregt
strich er den vorgesehenen Käsekauf.

 

 

Kurpark

Wem haben wir den Kurpark zu verdanken?
Die Fuchsien? Prachtvoll eingefärbt mit Blut,
das tropft und tropft und tropfend sich vertut,
wo einst Parolen tief im Kies versanken,

nachdem mit vor Enttäuschung feuchten Augen
die letzten Hitlerjungen aus dem Block
geflohen waren unter Mutters Rock?
Seit damals weiß man, was Parolen taugen,

auch seit der Heimkehr jener bleichen Schatten,
die nicht mehr fragten, ob der Krieg sich lohnt,
bloß steinern schwiegen wie der leere Mond
und keinen Trost für ihre Buben hatten.

Doch mancher Vater kehrte gar nicht wieder
und mancher Bruder blieb für immer fort,
Parolen schönten ohne Scheu den Mord.
Und wieder singen Söhne schlimme Lieder.

 

 

die aus dehnung des alls

 

ich sprang leichtfertig mit ihr um,
als hätt‘ ich noch ‘ne zweite
in der tasche.
es brannte lichterloh,
doch blieb ich stumm
und forschte nur
nach phönix in der asche,

riskierte spielend alles,
cool vertrauend
auf den ärmel mit den assen.
nun rück ich ratlos meinen stuhl
und kann die ausdehnung des alls
nicht fassen.

 

 

Sternenkind (Mein Vetter auf Beteigeuze)

Ich glaube, auf alpha orionis da lebt ein Cousin.
Man weiß es noch nicht, doch ich fühle mich sehr
verwandt mit dem Herrn, der da oben ins Taschentuch schneuzt,
vielleicht weil mich auch grad die Nase so reizt.

Wenn einmal die Kunde von seiner Geburt hier erscheint,
bin ich leider längst schon als Toter beweint
und kann seinen Eltern nicht selbst zur Geburt gratulieren.
(Ich würd mich nach so langer Zeit auch genieren...)

 

jonglage

 

drei kleine bälle fliegen hoch und weit
hinaus im strom von vielerlei gedanken
und wünschen, welche in der heiterkeit
des frühen tags vom bett zum bahnhof wanken.

sie hüpfen rund und bunt von hand zu hand
des werfers, der den traum an diesem morgen
hinüberretten möchte übern rand
des tellers mit dem mix aus alltagssorgen

und arbeitsstress, ins scheue tageslicht,
wovon die laptopmappenträger schlürfen,
gedanken noch verloren im bericht,
den sie zu hause haben schreiben dürfen.



Scheintot

 

Ein Reißen ohne Fuß, der stützt,
kann Zugkraft nicht durch -luft ersetzen;
Und Wasser, das in Straßen pfützt,
vermag kein Regen mehr zu netzen.

Ein Haus, gebaut, doch nicht bedacht,
kann niemand bloß mit Plänen decken;
doch Sonne, die vom Himmel lacht,
vermag auch Tote zu erwecken.

Und käm die Sonne heute nicht,
ich bliebe stur und scheintot liegen!
(Nur, bis der nächste Tag anbricht:
Ein bißchen Hoffnung muss genügen...)

 

 

Der Nanobrill

 

Der Naseweis, der Naseweis
ist wer, bei dem die Nase weiß,
was andere nicht wissen.

Der Drogenhund, der Drogenhund
macht manch bemerkenswerten Fund
in Autopolsterkissen.

Das Trüffelschwein, das Trüffelschwein
es bringt dem Halter Bares ein
dank seiner guten Nase.

Die Polizei, die Polizei
befasst sich auch mit Schnüffelei.
Gestatten: Heiße Hase.

Das Mikrofon, das Mikrofon
fühlt jeden noch so falschen Ton
ganz ohne Schmerz und Zittern.

Der Mutterwitz, der Mutterwitz
schießt Landschaftsfotos ohne Blitz
bei heftigen Gewittern.

Der Läusekamm, der Läusekamm
spürt sicher auf den ganzen Stamm
auch ohne Wurm und Angel.

Der Nanobrill, der Nanobrill
der fängt die Zwerge, wie er will
und stellt sie an den Pranger.

sommernachtstraum

von unten fallen bunte scheine
ins laub des mirabellenbaums
sie fliehn im dunkeln von der leine
des linden sommerabendtraums

vom glück, das auf den tischen tanzen
und hände klatschend singen will
vom zweifelhaften wert des ganzen
sich mühens - plötzlich wird es still

die füsse hören auf zu stampfen
die lacher stocken mittendrin
iman sieht erhitzte körper dampfen
ich frag mich, ob ich glücklich bin

 

 

schweinehund

 

o weh! mein innrer schweinehund,
der bellt und kläfft: wau, wau!
und beisst mich in den werten arsch,
bis dieser grün und blau.

verletzt auch andre gern und oft.
das macht ihm sichtlich spass.
das alter spült ihn auch nicht soft,
er kennt nicht halt noch mass.

so geht es mit mir weiter steil
bergab zum tor der höll.
im himmel herrscht die langeweil,
man nesst sich dort nur well;

im reich des bösen aber brät
das dichterherz am spiess.
mein schweinehund, der kurbel dreht,
will, dass ich öl rein giess.

so ist‘s um beide wohl bestellt,
schon denk ich, er sei matt;
gleich hört man, wie er wieder bellt.
ja, wird der niemals satt?

 

 

cubo ergo sum

ich liege

wenn ich liege, bin ich
wiege des abendlands
höhe des sockenrands
angemessen

wenn ich liege, wiege ich
ungemessen
neunzig kilo

waagen wägen menschen im stehen
schweine wägt man im hängen

hosen mit untersetzten maßen
besitzen kurze längen

straßen sind begangen
die statuen von milo gesehen

jetzt? liege ich...

 

 

blick vom hornberg

schau, der geissbock blickt dem stolzen leu von belfort
unerschrocken in sein fernes raubtierauge,
käut nur ab und zu und wieder eine rauke,
kratzt sich nicht mal aus verlegenheit den bocksbart.

während seine schläfrig-satte angetraute
zottelziege ihre langen, schwarzen wimpern
auch im tiefsten mittagsschläfchen leise klimpern
lässt, entströmen seinen nüstern wohlseinslaute.

könnte doch der löwe belforts dieses sehen!
hier heroben scheint der krieg für alle zeiten
ohne wiederkehr, und schreckliches geschehen

vage, fast wie ungeschehen, und die beiden
ziegenmägen mag kein schlechtes kräutlein blähen,
während tote, wenn sie tot sind, nicht mehr leiden.

 

 

zeit, den stift zu halten

 

der sonnenschirm lässt still die flügel hängen
im garten macht der tag dem abend platz
ein bier ruft eifrig prickelnd nach dem gärtner
im brunnen glitzert hell ein silberschatz

die nacht will sich mit perlen nun behängen
die schere liegt für morgen erst bereit
im schloss aus meinen träumen schließt der pförtner
die tore auf. willkommne mußezeit

 

 

Krai-Woog-Gumpe

Die Formen der Mutter brechen schwellend hervor
aus grün-weiss schimmernden Tropfen, entsprungen dem Quell
am Rande des Hochmoors, der nach dem Ursprung schnell
im uralten wuchernden Torf die Richtung verlor.

Das gischtende, schäumende Wasser des rauschenden  Bachs
springt erst wie Schnee vom roten Granit in die Tiefe
und wirft dann schweigend Blasen, als ob es schliefe,
zur Ruhe gekommen im Schatten des grünen Dachs.

 

(Dank an Henry Moore)

 

nesselbrand

 

wann immer mich die muse küsst,
es brennt wie tausend nesseln!
zum löschen giess ich wasser drauf
aus abertausend kesseln.
doch nimmt das unheil seinen lauf!
will die so weiter küssen -
wie werd ich leiden müssen!
(und du damit..hehe!)

 

 die hundsrose

 

HUNDSROSE - was für ein klangvoller, schöner name für dich
die du den frühen herbst strahlend empfingst im rot
welches die wangen dir zierte, schmückte dich, als du nicht tot,
sondern mitten im rausch stern unter sternen warst

mögen die stare und amseln sich heute ergötzen an dir
wird uns der winter ja doch kälte bringen und schnee
zu deinen füssen schlummert im frühling blühender klee
nur ein verlorener spatz pfeift dir ein requiem

 

 

Ein Dunkeln

Bächlein,
plätscherndes Mondlicht,
heimlich glitzerndes Vöglein,
zwitscherndes

Eule,
kreischende Schatten,
tückisch täuschende Wipfel,
rauschende

Moosquell,
sprudelnder Fixstern,
leise munkelnder Abend,
dunkelnder

 

 

Wenn du träumst

Wenn du schläfst,
streicht dein Atem samten
über meine Haut
wie Mondlicht über ein Spinnennetz.

Wenn dein Arm
neben dir so lang und
schwer sich ziellos streckt,
berühren unsere Finger sich.

Wenn du träumst,
legst du manchmal eine
Hand auf meine Brust
und knüpfst den dünnen Faden fest.

 

 

Kleine Etüde für kleines Cello

Zwei Honigkuchenpferde
in Blumentopferde
stritten sich ab Blaubeuren
mit einer Eberesche
um den einzigen Pflanzplatz
im Zug nach Graz.

Als in Ebern die Eber
und in Loisach die Esche
vom Zug stiegen,
guckten die Pferde
ziemlich dumm  - zugleich zufrieden -
aus der Wäsche.

 

 

Wie Ei dem Zwei

Mir ist ein bisschen Einerlei.
Mit einem Auge oder zwei
bin ich sehr oft nur halb dabei.
Was bringt die ganze Plackerei?

Es gleicht sich Ei um Ei um Ei um Ei...

Hat einer mal geleckt am Blei,
wirkt angespitzt er, fühlt sich frei,
dem ersten netten Babyschrei
eins nachzuschicken, und die Drei

folgt hintennach fast wie von selbst, wobei

man durchaus meinen könnt, es sei
der Zwilling von der Nummer Zwei.
Kein Reim zu alt, dass er nicht neu
erfreu im aufgewärmten Brei,

wo Löffel Löffel gleicht wie Ei dem Ei.

 

 

Dualis-Müsli

 

Manche (extraterrestrische) Wesen sind
Weiss wer, wie die Rippe den Menschen rief?
Schlicht vielleicht nicht kommunikativ.
Welche Wörter zeugten als erste ein Kind?

Schweigen still aufgrund eines Chaosplans
Wann gab erstmals eins das andre Wort?
Auf dem Grund planetarischen Ozeans.
Wer benannte Kajn den Brudermord?

Möglich, dass sie weiters nicht geruhn
Wer sagt, wessen Wort am Anfang war?
Aller Welt ihr Dasein kund zu tun.
Wer das letzte hat, ist auch nicht klar...

natürlich ich!
zumindest hier.
doch unterm strich
gehört es dir.

(Dank an Martin Rees)

 

 

biedermanns handydisplay

 

ein glyziniententakel greift
durch den fluglärm der bienen hindurch
doch die drohne verliert nicht gern
rekurriert gegen biedermanns tod

sodass biedermann dieses mal
seinem dreizehnten, freitag entgeht
jedoch: interessiert das wen?
imme maya auf jeden fall kaum!

und ich trinke den dreizehnten tee
doch da ist es schon finstere nacht
als ob biedermanns handydisplay
heute früher erlöscht sei als sonst

 

 

Regensonntag im August

 

Ein Tropfen hat sich losgelöst
vom nassen Laub der Erle.
In dickes Grau gewickelt döst
der Tag noch eben „e Chehrle“

und hört die Morgentropfen nicht.
Ich rufe: „Tag, es ist Zeit!“
Die Erle lacht mir ins Gesicht :
„Nur zu! Ich wär so weit!“

Brüsk ziehe ich die Wolken weg,
dass ihn die Sonne wecke.
„Du Faulpelz! Auf zum Tageslauf!“
Da schnarcht es unter der Decke!

Die Erle meint: „‘nen Versuch wars wert...“
und hüllt sich in die Krone.
Na, wenn der Regen s i e nicht stört,
find i c h es auch nicht ohne,

zurück ins warme Bett zu gehn
und ab und zu genüsslich
mich rum aufs andre Ohr zu drehn.
Ach, Regen, komm, verpiss dich!



Die Sonne wärmt noch zu sehr

 

Wenn das Gold des Herbstes im Sommer schon
von den Wipfeln der Bäume ins Wasser tropft,
überlebt es den Sturz in die Tiefe nicht,
denn die Sonne wärmt noch zu sehr. Es schmilzt

und verläuft sich dampfend, vermischend sich
mit der glitzernden Fläche des ganzen Sees.
Da verstummen vor Ehrfurcht die Fische selbst,
und es kräuseln sich Wellen in Raum und Zeit.

 

 

Vorsicht bei Tapetenwechsel!

Wann, wenn nicht jetzt, sprach die Birke und machte sich auf den Weg.
Was für ein stolzer Entschluss des scheckig umrindeten Baums!
Lustig den Wipfel nach hinten gedreht und etwas schräg,
startete sie zur Verwirklichung eines Jugendtraums.

Setzte die erdigen Wurzeln langsam und mit Bedacht
Schritt für Schritt aufs frische Pflaster der A Hundertzwei,
welche nach umweltseits verlorner politischer Schlacht
endlich und fertig gebaut war. Nun war der Weg für sie frei,

einmal den bisher die Kreuz und die Quer verwachsenen Wald
ohne Behinderung seitens der Fichten und Buchen kühn
auszukundschaften. Ziemt‘s aber Bäumen, dergestalt
einfach so mir nichts, dir nichts plötzlich von dannen zu ziehn?

Nein, sage ich! Und siehe, in Sechzigtönners Gestalt
holte die vorwitzig Birke ein vorzeitig Tod!
Darum, oh Bäume, zähmt eure Neugier! Seht, welch Gewalt
euch bei Nichtakzeptanz eures Schicksals droht!

(Dank an Hildegard Knef)




dem sänger tellen - zum nationalfeiertag 2

 

vom schillersteine sprang ein frommer
begabter flaumbehaarter knabe
ins türkis‘ nass, er dacht‘, so komm‘ er
ganz einfach in genuss der gabe

die dem berühmten sänger tellen
verliehen ward‘ durch gottes gnade
zitierend stürzt‘ er in die wellen:
„es lächelt der see, er ladet zum bade“

das wasser schäumte! der föhnsturm tobte!
ein pudelnasser jüngling fragte
sich selbst, warum ihn keiner lobte
wo er doch aus der masse ragte

der dichter, die nicht einen schatten
von lyrischer begabung, keinen
auch noch so kleinen schimmer hatten
so sass er triefend auf den steinen

- wie einstens schon von schillers recke
bevor mit pfeil von straffer sehn‘ er
den landvogt brachte um die ecke -
und fühlte sich missbraucht wie jener

 

Die Klitschkonauten

Nennt mir die Brüder, die dank ihren unwiderstehlichen Schlägen
Gegner von jeglicher Grösse, von jedem Gewicht nicht fürchten!
Eiserne Pranken wie Baggerschaufeln, Fäuste von einer
alles vernichtenden, vorwärtsdrängenden Schlagkraft!
Als Polyphem und andere vormals gefürchtete Riesen
noch nicht besänftigt waren durch des gerissnen Odysseus
listige, überlegene Taten, fuhren sie - ostwärts
segelnd - vorbei am leuchtenden Bogen der Dardanellen,
welche später auch Iason und dessen wackre Gefährten passierten.
Euphorisiert von täglichem Ringen und nächtlichem Saufen,
landeten sämtliche Riesen zu schlechter Letzt in Odessa,
stürmten am Kinderwagen vorbei die Stufen nach oben.
Zügeln konnten sie erst zwei zornige Brüder aus Kiew.
Stirne in Falten gelegt, erhob der eine von beiden
Halt gebietend die Hand, die Finger wie Säulen
himmelwärts gestreckt, und rollte feurig die Augen.
Heulen und elendes Winseln entrang sich den angsterfüllten,
erst noch raufes- und saufeslustig johlenden Kehlen.
Rückwärts die Treppe hinunter taumelten, ehrfürchtig weichend,
stolpernde Tölpel erneut am Kinderwagen vorüber,
schworen, sie würden das weite Land am Pontos Euxeinos
nie mehr betreten - doch sannen sie heimlich auf Rache und sorgten
rund um das Mare Nostrum dafür, dass das Volk in den Städten
vergass des Namens und Orts jenes abgelegenen Landes,
bis von neuem zwei Brüder aus Kiew die Welt verblüfften.

The Booboo in the Funpark (Oslo 2011)

It was joy, it was fun,

‘t was an island in the sun.



 

Halli! Hallo! Halli! Hallo!


Ich zeig‘s dir. Guck! Das macht man so!


Wer hat noch nicht, wer will noch mal?


Have a thrilling ride on the „Crazy Whirl“!



a boo.., a boo.., a booboo! yeah...

 



Halli! Hallo! Halli! Hallo!


Ihr hört die „Trompete von Jericho“!


Was kann sie, bitte, für euch tun?


A trip to the stars, a ride to the moon?



 

a boo.., a boo.., a booboo! yeah...



Halli! Hallo! Halli! Hallo!


Hier seht ihr den „Cop von nirgendwo“!


Er macht zu eurem Donner den Blitz!


And round turns the carousel with the kids!




Ihr nennt ihm die Ratten, er macht sie k.o.!


Ihr wisst ja weshalb, warum und wieso.


I‘m your booboo, yeah!

 

(gewidmet den herren freysinger, wilders und gesinnungsgenossen)

 

 

 

 

am horizont (oslo 2011)

 

am horizont zucken polare depressionen
durchs netzwerk rauschen lyrische impressionen
vom mond haben wenige menschen den hintern gesehen
am arsch dieser welt aber geht gar manches vorbei

im all verhallen die mächtigkeitsfantasien
am lichtesten stirbt sich‘s wie immer: betend auf knien
und während da und dort noch trümmer stehen
wächst bald schon im boden der jüngste tag wieder neu

 

 

Der Aëronaut

(„Gegen alles, was gut ist“)

Und der Wind.
(Nachts setzt die Sonne aus.)
Und er rüttelt so sehr.
Und im Sternenmeer
find ich nicht mehr nach Haus.

Wenn du wachst.
(12 schlägt‘s vom Bügelbrett.)
Und du sorgst dich so sehr.
Und das Bett ist leer.
Angst? Ein leises Falsett...

Nur der Mond.
(Gleich schliesst die Abendruh.)
Und er schaut zu dir her.
Und dein Teddybär
macht die Äugelein zu.

Und die Welt
(Stau in der Eisenbahn.)
Und sie dreht sich nicht mehr
und hält ein, bis wer
macht das Licht wieder an.

 

 

Golden Swann

 

Swann

上 海 天 鹅
何 如 白 鱀
天 笑 我 梦

 

 

alles liebe

 

als die arbeitslosen astronauten
in den leeren himmel schauten
zögerten die nachtigallen
wie gewohnt in lautes gellen zu verfallen

doch die stumpfen grillen zirpten heiter
ihren drögen singsang weiter
denn sie wissen nichts von liebe
ohne die das weltall unbevölkert bliebe

Am Yangtse 

 

 

 

火路

天 线 土 光
水 壶 溢 出
江 里 有 猪

 

 


 


Das Böcklein Mond

 

Der Mond geht unter still und stumm,
noch während ich das niederschreibe.
Sein Schatten liegt noch spitz und krumm
auf meiner Netzhaut, als ob treibe
ein Böcklein hier sein Gaukelspiel,
das - kletternd voller Übermut
von Stock zu Stein - herunterfiel
die ganze lange Jakobsleiter.


Da sag ich heiter: Ist ja gut!
Du kannst von mir aus gern hier bleiben,
doch mach nicht mehr so grosse Sprünge!
Auch lass mich friedlich weiter schreiben,
und friss das Gras, das ich dir bringe!
Wer steht am nächsten Abend nicht
wie eh und je am hohen Himmel?
Das Böcklein strahlt in neuem Licht.
Viel Spass da oben, kleiner Lümmel!



der kichererbse tod

 

lustig mädchen, kicherst erbsen
töpfe, badewannen voll
lässt sie kullern in die herzen
spielst mit ihnen rock ‘n‘ roll

machst mich reich mit deinem lachen
das du ohne geiz "vererbst"
meine dicksten hülsen krachen
wenn du kurz den ton verstärkst

steckst mich an mit kichermasern
ohne, dass ich weiss, warum
spüre ich bis in die fasern:
gleich fall ich vor lachen um!

weshalb kann das nicht so bleiben?
darf so eine magersucht
einfach dieses kichertreiben
schlucken wie die tiefste schlucht?

traurig mädchen, iss doch wieder
deinen wangen fehlt das rot
wehmut zieht durch meine lieder
seit das kichermädchen tot

 

Sommervogel

Mein zermanschter Sommervogel!
Flatterst mir Erinnerung!
Trag mich dort hinaus, wo Flügel
lang ist‘s her, doch nicht so lang -

deine Frohnatur verrieten,
eine Art von letztem Glück,
ehe einer dich vernichten
konnte mit dem Fremden Blick.

Wir sind Tote ohne Flügel,
Vögel ohne Element,
Barken ohne jedes Segel,
Tränensee, noch ungetränt!

 

"Krabbelgottesdienst"

Ich wollte jüngst zum Krabbelgottesdienst,
um meiner Seele Treibstoff zuzuführen,
die Kupplung mit dem Herrgott gut zu schmieren.
Ich sprach mir zu: Was kannst du schon verlieren,
wenn du zu einem Kirchgang dich erkühnst?

Da stand ich also vor dem Kirchentor.
Ich war und war und war sehr weit gelaufen
und musste unterwegs auch mehrmals saufen,
nun sollte mich der Pfarrer christlich taufen.
Der kam zur Tür raus, stellte sich davor,

verwehrte mir die Einfahrt und rief aus:
„Was fällt dir ein, du unverschämter Frevler!
Für dich da braucht es weder Hirt noch Schäfer!
Die Seligkeit ist nichts für VW Käfer!“
Seither umfahre ich das Gotteshaus...

 

(Der Krabbelgottesdienst findet am 17.7. in Säckingen statt.)

 

trichterspinne

 

die trichterspinne trichter-trachtet
dir nach dem li-la-leben
und hat nach dir geschmichter-schmachtet
genau wie die daneben

der trügerische trachter-trichter
ist voll e-lo-li-lastisch
man fühlt sich im vernasch-vernichter
vollkommen orgiastisch

wenn einer sich vertrackt verstrickt
als li-la-leisetreter
wird trotzdem er gezwackt, gezwickt
ob früher oder später

kaffeekränzchen

eine schnick-schnack-schnuckel-schnecke
hat sich früh, noch in der nacht
auf der schli-schla-schleimer-strecke
richtung marktplatz (stadtwärts) aufgemacht

trifft nach vielen sti-sta-stunden
endlich glücklich ein am ort
nach zwei kurzen kaffeerunden
muss sie auch schon (heimwärts) wieder fort

hat jedoch vom ri-ra-reden
einen ziemlich trocknen hals
rechnet darum ji-ja-jeden
meter dreifach (doppelt jedenfalls)

um dreiviertel ni-na-neune
kommt sie an, dort, wo sie wohnt
jeder hat das si-sa-seine
das für ihn die wege (mehrfach) lohnt

 

miss multiversum

überraschend erhielt ich den aufruf zu amten als juror
bei der wahl einer  zweifelsfrei würdigen „miss multiversum“
ohne lange zu zögern beschloss ich, ich wolle da mittun
in der rolle als multiversierter, erfolgloser autor

und ich brachte zum tragen in welcher raumzeitlichen zone
die materie sich in meiner wenigkeit manifestiert hat
als vertreter  der typischen multiversunkenen kleinstadt
überreichte ich patti (mit i) die verdiente krone

 

hydra

irgendwo hinter den glühenden dächern
lauert ein gieriges untier
streckt seine zungen in schlierigen fächern
tut so, alls hätt es zu tun hier

schiebt seine vorderste zunge ganz heimlich
über den himmel gezogen
bis in die köpfe und hätte vermeintlich
mir meine ganglien verbogen

wäre da nicht der regen gewesen
welcher vom untier hörte
himmel und erde mit eisernem besen
säuberte wie mit dem schwerte

blind vor empörung wie damals der hagen
welcher im feuer der hunnen
sterbend noch hunderte hat erschlagen
ehre des nibelungen

platt von der walze des wassers und öd
liegt nun das land meiner väter
während ein neues untier entsteht
anwächst, meter um meter

 

ich habe empathie gelernt!

 

ich bin ja so empathisch
ich warte mit dem torwart auf das tor
dann wirke ich apathisch
ein bisschen blöde oder kurz davor

doch trifft dann einer endlich
so schreie ich und tanze wild herum
es ist mir unverständlich
warum der torwart findet, ich sei dumm!

 

Ali Baba

Felsenfest lagern die Schätze, verborgen dem fremden Blicke.
Dinge, die dich erheben könnten auf Stufe "Bill Gates“,
leuchten nach innen und strahlen und leuchten vergeblich. Die Brücke,
welche vor Zeiten zum Felsen hin führte, die gibt es bereits
viele verzweifelte Monate, stürmische Jahre nicht mehr.
Fluten aus unterirdischen Quellen spülten den Steg
Ufer und Hänge einreissend fort. Was blieb, ist ein Meer
torfumrandeter, glänzender Tümpel, durch die kein Weg
zum vermutlich für immer verschlossenen Felsentor führt.
Abends, wenn zwischen Nacht und Schlaf die gläsernen Glocken
rufender Käuzlein klingen, während die Zeit verliert
immer wie schneller das Tempo, dann lass ich mich manchmal verlocken
anzuklopfen an deinem steinernen Tor - und wieder
sieht man kein einziges Licht, keine Öffnung im Fels, aber ich
schreibe mit Herzblut an diese Wand und in meine Lieder,
flüstere dir ins Ohr: „Sesam, öffne dich!“

 

Das Pendel

Wenn der Knipser knipst im Zug,
Denk ich immer nur an dich!
So vergeht die Zeit im Flug;
Doch, wie werd ich ärgerlich,

Wenn die Bremse wieder bremst!
Steig nicht aus, fahr Schicht um Schicht,
Zornig, nicht, weil du mich hemmst
Hinzugehn, wo meine Pflicht,

Dadurch, dass du mir im Geist,
Wenn der Knipser knipst das Loch,
Nahe bist, als ob du reist
Mit mir hin und her; jedoch,

Was mich vielmehr wütend macht,
Was ich nicht ertragen kann,
Folgt dann kurz nach Mitternacht:
„Feierabend!“, ruft der Mann...

auch ein helvetisches malaise

(zum frischjahr)

hellbraun und gesund
ist das kreuz auf rotem grund
ziehe um in villa kunterbunt
mache aus dem kreuz ein spiegeleierrund

schlüpfe aus dem ei
erst nur made in dem brei
flieh zuletzt das arschlocheinerlei
bin zwar noch nicht jagdbar, aber vogelfrei

denk dann auch an max
der die flügel eines fracks
schwang, als wär er adler. nur ein klacks
grabe ich mich ein, als maulwurf, untertags.

 

inversionen

 

wenn gott ruft mich und ich tot bin
wird sich keiner mehr darüber blaugrün
ärgern, weil man muss dann sehen
ob man will gleich alles anders drehen

prädikat im nebensatz steht
hinten? - obsoleter nostalgiemist!
wo man das noch lernen muss,
ist im integrier-dich-selbst-sprachkurs...

trotzdem es ist so nicht richtig
und obwohl ich nehme das sehr wichtig
bin ich etwas unentschieden
weil ich scheide lieber hin in frieden

 

(dank an doris leuthard)

 

 

warmluft-burnout

führungsfähigkeit
niemals rede kürzer halten
mit der stimme schädel spalten
tun wie gernegross

qualitätsprojekt
jedes thema breit zu schlagen
keiner zeig‘ ein unbehagen
teamwork läuft famos

modernmanagement
erst muss man sich selbst verkaufen
dann im kreise dauerlaufen
bis die würde los

allesindsolieb
friede freude eierkuchen
einer will das weite suchen
andre welken bloss

leitbildidiot
von identity zerfressen
körperschaft hat er vergessen
reibt mich für sich auf

wohlfeilbonusgeld
streut man wie im park die muttis
ihren pudeln hundeguties
dass das windspiel lauf!

 

 

die forelle (so nett)

 

ein fischlein streckte scheu die schnauze aus den wellen
und schaute mich ganz still verwundert an.
es runzelte die punkte, die forellenhellen;
war leicht zu sehen, dass es gründlich sann.

worüber und warum, das konnt ich nur vermuten:
noch eben als gefangene im netz
der buben, die mit mir im bach die kühle suchten,
ohn hoffnung, dass man es in freiheit setz.

die knaben fischten unterdessen weiter,
bis zwölf forellen ihre beute waren
dann meinte einer, es sei doch gescheiter

den tieren weitre ängste zu ersparen,
und aller mienen waren froh und heiter,
als fischlein wieder schwamm im bach, dem klaren

gebrauchtwaren

 

ich kauf mir eine echte karyatide!
die gibt‘s zum schleuderpreis im gartencenter.
das angebot scheint mir doch sehr solide;
sagt auch mein schwager, denn den laden kennt er.

die stell ich in den frisch gesäten rasen
und lass vom haus her noch vangelis laufen.
das schreckt die vögel ab und auch die hasen;
ich brauch dann kein so selbstschussding zu kaufen!

 

 

 

gott, stopp das röhren!

 

von oben sieht das unten aus wie dörfer
so hingeworfen von nem steinewerfer
der nichts besondres denkt und auch die kleinstadt
nicht wirklich so geplant und so gemeint hat.

ich kann am sonntag ihre glocken hören
wie sie zur predigt rufen in die leeren
und kalten hallen ihrer beiden kirchen
vergebens drum bemüht, die glut zu schürchen.

liegt sonntagswetter über solchem frieden
dringt ab und an ein urlaut von dortnieden
bis hier herauf, ein brunstvoll tiefes röhren.
es will uns eindruck machen und uns lehren

dass freiheit gleichbedeutend mit zwei rädern
und viel kubik und glänzendschwarzen federn
und flügeln auf dem tank und schwarzem kombi.
das knattern weckt im helm des moto-zombie

wohl ähnlich wie der glockenreiz beim priester
so richtig kultisch wohlsein, doch vermiest er
mir meine hornberg-sommersonntagsruhe
mit seinem motorgockel-brunstgetue.

ich schicke deshalb ein gebet zum himmel
sofern‘s nicht übertönt wird durchs gebimmel
fleh an den herrgott, sich mir zu zu neigen
und meinem wunsch gewogen sich zu zeigen:

ach, herr, du warst doch sicher auch ein bieker!
nun hör, ich hab die langsam auf dem kieker!
verwandle, so du kannst, die feuerkessel
von diesen hirschen schwups! in polstersessel!


 

Das tausendunderste Sonett

 

Es hat sich einst vor tausendnulleins Tagen
Im wilden Süden nahe beim Äquator
Ein Riesenkrokodil, ein Alligator
Den Bauch gefüllt mit sichtlichem Behagen.

Es war ein Alphatier, ein Imperator,
Das nach der Mahlzeit rülpste ohne Zagen.
Frass tausendnulleins Opfer, welch ein Klagen!
Bis man ihm drohte mit dem Präparator.

Da, endlich ging das rüde Grossmaul in sich,
Gelobte ernsthaft, Menschen zu verschonen;
Doch wer glaubt Räubern so was schon, ich bitt‘ dich!

Das Viech liess einfach andernorts sich klonen
und ohne Tarnung hielt es wieder grimmig,
nach fetten Bissen Ausschau, die sich lohnen.

wellness-dichtung

 

wer möchte nicht im wellnessbad
sich rundum regenerieren?
wer will nicht gern am rad der zeit
was heimlich adjustieren?

oh, jungbrunnen, brunne mich rundum neu
und spiegle mich schön, aber ohne schneewittchen!
nimm meinetwegen ein schweinerippchen
auch schweineherzchen, einerlei!

gefühlte hundert und marod
das geht schon an die nieren!
ich möchte mich von bresten befreit
wie früher verlustieren!

oh, spiegelnde quelle, zeige dich mild
lass mich dein frisches wasser trinken
und in die tiefsten tiefen versinken
mein schmerzgezeichnetes ebenbild!

gelenke, nerven, hirn malad
so vieles neu zu schmieren!
kann nur mit alter heiterkeit
den rost etwas kaschieren

oh, worte, lauft in mich hinein
lasst bilder und verse entstehen!
bestimmt wird es mir besser gehen
darf ich euer dichter sein!


jogger im trauerzug

 

am meisten stört uns, wenn die jogger
durch den trauerzug durch laufen.
doch niemand hört uns, denn wir stehen
dort, wo regen trauft in traufen.

wir stellen läufern nicht die beine,
haben nur das wort im sinne.
wir bieten käufern reine lieb und
was so alles rinnt darinne.

man kann in unsrem trauerladen
füllen sich mit grösstgefühlen,
um dann mit muntrem sauerteige
leserherzen aufzuwühlen.

wir sind die tiefstverzückten dichter,
mit uns selbst gereimt im reinsten,
nach edlem mief verrückt und trachtend:
henkers seil, dann nur vom feinsten!

ein seil, man daran ziehen könne
trübe tassen, morsche karren,
mit sicherstgarantien: keiner
denkt, man halte ihn zum Narren.


parsprotautologie

 

ich habe wunder was studiert:
die autonobilität
und was sie häufig generiert
an ecobsurdität

belegte an andrer fakultät
die edle gastrophysik
die parthenogenialität
und metabolitik

im nebenfach astralographie
(mit schwerpunkt psychofytismus)
und endlich folgte in kastraphobie
mein bolo-honorismus

die neuste parsprotautologie
in idiosynkramnesis
mit spezieller gallinandrie
ergab dann meine thesis

mit thema circumspedition
(erweitert durch neologistik)
zum zweck der innovulation
in ornitholarynxstatistik

so steh ich hier als weiser nun
an meinem gartentor
im garten gäb es was zu tun
viel mehr als je zuvor

 

Meteo - otto e mezzo

„Die Nacht, die wird klar,
vorhandene Wolken lösen sich auf.
Das Ziel vom heutigen Marathonlauf
blieb unauffindbar."

Ich malte mich neu.
Darunter blieb aber alles beim alten.
"Am Westhimmel suchen Schleiergestalten
nach Nadeln im Heu."

„Und morgen, da sinkt
die Temperatur auf achteinhalb Grad.“
Ich frag mich, wieso mein „Energybad“
nach Fischfutter stinkt.

Trrr! Stechmücke gurrt
mir lüstern und hämisch zugleich ins Ohr:
„Gewiss wird mein Stich dich treffen, bevor
der Türöffner surrt!“

 

 

Jo Meier
Jo Meier war unser Busschofför,
hat viele Strecken befahren.
Er konnte auch im schlimmsten Malör
noch cool die Ruhe bewahren.

Und mancher fragte: „Bald Schichtende, Jo?“
- „Na klar“, grinste der, „ich muss doch aufs Klo!“

An jenem Abend im Monat März
da fuhr er meine Strecke.
Ich dachte kurz, es wär ein Scherz,
als hinter der Rathausecke

ein Killerwal geschossen kam
und sich auf die Fahrbahn legte.
Doch bald war klar, dass der infam
Verbrechensabsicht hegte.

Und mancher nahm sein Handy heraus:
„Hallo, ich komm heut später nach Haus!“

Das grosse Tier schlug mit dem Schwanz
gebieterisch auf und nieder.
Der Bus erbebte vom klapprigen Tanz
verängstigter Zähne und Glieder.

Jo Meier trat aufs Bremspedal
und stiess den Fuß in den Boden
bis dass aus allen Scheiben aufs Mal
die Funken zur Seite stoben.

Riss reaktionsschnell dann herum
das Steuer des Busses, aber
das Fahrzeug kippte dabei um
und knickte zwei Kandelaber.

Und: „Jo!“, rief einer. „Halt die Ohren steif!
Für Fischfutter fühl ich mich noch nicht reif!“

Zwei Räder berührten den Boden nur,
als, ohne die Kurve zu kriegen,
der Bus dem Wal in den Rachen fuhr,
der gähnend da blieb liegen.

Rasch steuerte Jo sein Dieselross
geschickt zurück auf vier Räder,
was mitten im Tran von diesem Koloss
ein Kunststück war, weiß doch jeder.

Und mancher fragte sich bang: „Was nun?“
Nur einer wusste genau was tun:

Jo Meier trat aufs Gaspedal
und jagte hoch den Tacho
durch Dünn und Dick, bis wir rektal
verließen den Fisch im Garacho.

Doch waren wir gerettet kaum
aus allergrößter Not,
da prallte der Bus in einen Baum:
Wir lebten..., doch Jo war tot!

Die Saga geht, dass irgendwo
dem John es ging fast ebenso.
-

 hummels botschaft


eine hummel schwirrt übers dach
was will sie
so hoch hinaus?
in der dachtraufe klebt noch
der regen vom vorigen jahr
und immerdar grübelt der dichter
über dem ende der zeit

eine schwalbe lächelt ihr nach
sie schenkt ihr
noch diesen tag
und ich wühle mich dennoch
durch jedes geschriebene wort
denn hinter dem ende der tage
steht die fähre bereit



wetter(k)lage

 

von schwüle erdrückt verdunsten gedanken
auf nadeln gegrillt über glühendem hirn.
die schläfe gepierct, durchbohrt die stirn,
der schädel geritzt von schneidenden pranken.

ein feuer im kopf verbrennt mir zu asche,
was war und was ist, geschweige was wird.
der wille klebt fest wie suppe am herd.
ohnmächtiger geist bleibt gefangen in flasche.

ich warte so sehnlich auf donnerrollen
und wolken, die alles mit regen laben,
gewitter, die reinigend wirken sollen,

ideen, die munter ins freie traben,
wie fohlen auf blühenden weiden tollen!
ob pferde manchmal migräne haben?

 

lob der weidesülze

 

liebevolle schraubenmutter
fand in städtisch parkgehölze
hausgemachte weidesülze
trug sie heim als babyfutter

denn die kleinen schraubenkinder
e-ha-e-ce-angstbesessen
wollten kein gemüse essen
lieber kolifreie rinder

pflanzlich nahrung kann heut schaden
mehr noch als im fleisch die maden
tue allen müttern kund:

nähret eure brut gesund
eh ihr schiebt was in den mund
lasst‘s in heissem wasser baden!

 

die wahren kachelmänner

wenn der michel sagt: ich war beim griechen essen
so hat er real zwischen ionischen säulen aus gips gesessen
drei oliven und zwei grosse schnitzel mit pommes verspeist
im kopfe auf kreuzfahrt die schönsten griechischen orte bereist
als dann das dritte deutsche pils schon im magen geschäumt
da hat er von schlanken fesseln ionischer frauen geträumt
und die währschaften dorischen säulen der mutti gerne vergessen

mutti sitzt gegenüber und stochert in einem souvlaki
statt ouzo gibt‘s nachher auf kosten des hauses billigen raki
danke, keinen kaffee, lieber noch was für den durst
vielleicht beim imbiss ein bier und, wenn‘s hochkommt, auch noch ne wurst
erst aber nochmal nach ionien zurückgekehrt
im pissoir des früheren „adler“ die blase geleert
zwischen bis oben gekachelten wänden: dunkelgrün, braun oder kaki

(im lautsprecher plätschert leise ein echter syrtaki...)

 

I'm in love

nicht lippengloss, nicht blend-a-med kann mich verführ‘n
mein ego hat in dir sein alter es entdeckt
und seit mein blick zum ersten mal an dir geleckt
will ich von frauenschönheit nichts mehr sehn und hör‘n

I‘m in love with my monitor,
I‘m in love!

kein push-up-busen und kein stöckel-straffer po
kommt deiner sanft gewölbten fläche gleich
dein edles rechteck schimmert wie ein stiller teich
ich bade drin wie in „la réserve du château“

I‘m in love with my monitor,
I‘m in love!

auch wenn du manchmal nicht so willst, wie ich gern will
ich häng in deiner falle wie ne arme mouse
bin nur komplett und glücklich, wenn ich in dir browse
und werd ich sterben  -  dann an weblink-overkill!

I‘m in love with my monitor,
I‘m in love!

(Dank an Dieter Meier)

im kursaal (der musikliebhaber)

heute flog ein ton mir zu
fällig auf den rechten schuh
kroch mit frechem grinsen breit
beinig und in sichtbar streit
lustig‘ operettenpose
weiter in die sonntagshose

nur, weil allsogleich er glaub
würdig machte, dass er taub
stumm sei und darum geheim
nisse mit und ohne reim
nicht verraten und nicht hören
könne, liess ich ihn gewähren

etwas kitzlig war es schon
doch er machte das ganz ton
artig bis hinauf zum ohr
läppchen setzte sich davor
um ein kleines lied zu singen
und nen gruss von dir zu bringen

 

Blick vo ussedra

Vor em Förchtiwäudli tanze
sunnebleichi Muggen
über de Söibluemeliechtli

Innedrinne ligge nüt aus toti Escht...

Dr Hahnefuess hingäge
reckt sis Chöpfli us dr Matte,
und ufm Wäg voredüre spaziert
säubschtvergässen
e Grille

E wunderbare Blick
uf schneewissi Bärge
vo Münche bis Gämf

Drunder wiselet
düre Dunscht
es flissigs Ameisevöuchli

 

Der Rasenmähermann - bretonische Ballade

 

Das ganze Land erobert, zugedeckt
von einem grausam grenzenlosen Blau!
Das ganze? Nein, ein kleines Haus in Grau
hat sich erfolgreich vor dem Blau versteckt.

Der Mann, der seinen grauen Rasen streichelt,
er hasst den Sand der Düne. Dann und wann
wirft selbtsvergessen er den Mäher an,
der lieblich ratternd sein Gehör umschmeichelt.

Vom nahen Strand ertönt der Brandung Rauschen.
Er will‘s nicht hören, steuert sein Gefährt
mit Vollgas - übertönend, was ihn stört.
Sieht nicht die Vögel stumme Blicke tauschen.

Doch da und dort, da klaffen braune Lücken
im Grünsogrün der Hälmlein, kurz gestutzt.
Vertikutieren, Düngen, Mähen - nichts genutzt!
Er flucht der Düne, droht mit wilden Blicken,

doch will sich die Natur nicht unterwerfen.
Das Mähermesser wird vom Sand nur stumpf.
Verhindert ist der menschliche Triumph,
die Schöpfung wird noch weiter leben dürfen.

Doch ist der Mensch an sich ja gern der Macker.
Erklärt frustriert nun der Natur den Krieg.
Für ihn und seinen Rasen zählt nur Sieg!
Besteigt den Rasenmäher und zieht wacker

der Übermacht von Wind und Meer entgegen.
Und als der Wellen Phalanx er durchbricht,
er gurgelnd noch die letzten Worte spricht:
Ich gehe unter, doch mein Geist wird leben!

 

Die Ballade vom Dreifachmord

 

Vater, setz dich und hör mir zu!
Willst, Knabe, stören der Mutter Ruh?
Nein, ich spreche nur zu dir.
So gönn ihr den Schlaf und schliess die Tür!

Im Kruge da brodelt das Wasser für Tee.
Im Eisschrank lauert die dreizehnte Fee.
Ja, hat es denn gar keine Bierchen im Haus?
Vater, nein, das Bier ist aus.

Das Rutschen der Stuhlbeine sagt nicht viel.
Die dreizehnte Fee wittert leichtes Spiel.
Ach, Junge, wie hatten wir‘s immer so gut,
erinnerst du dich an den Cowboyhut?

Und unsre Spaziergänge durch den Wald?
Vom Eisschrank her zieht es plötzlich kalt.
Mein Liebling, du fröstelst, komm, setz dich her!
Vater, nein, ich kann nicht mehr.

Im Wald sah ich stets eine Frauengestalt,
die hat mir in schönsten Farben gemalt,
wie einmal ich trüge im Feenland
eine Krone und Kleider mit goldenem Tand.

Mein König!, haucht nun die schwarze Fee,
komm wieder zu mir, ich tu dir nicht weh.
Hörst, Vater, du das Flüstern nicht?
Wie lieb sie von meinem Untergang spricht?

Vater! Weck Mutter! Genug mit dem Fluch!
Der Vater wird bleich, zieht sein Taschentuch
und wischt von der Stirne die Schweisstropfen ab.
Mein Junge, du bringst deine Eltern ins Grab!

Der Sohn reisst auf die Fenster und Türen,
den Feenhauch nicht länger zu spüren.
Am Morgen ist er selber fort.
Die Eltern liegen still und tot.

(Dank an den unzitierbaren)

Schwarz auf Weiss

 

Neulich am Cuolm da Vi, hoch in den Alpen:
Schwarzer Eidechse fährt Schreck in die Glieder,
und ihr noch kaltes Blut stockt in den Adern.

Ängstigt die Kühle der Schnee, der sie umzingelt?
Ist es vielmehr die Furcht, dass der Schatten,
der sie plötzlich bedeckt, Schwingen habe?

In ihren Augen das Weiss blitzt um die Wette
mit dem funkelnden Schnee, und ihre Tupfen
glitzern im Scheine des Lichts, welches die Sonne
streut auf den silbernen Kranz rauer Flechten.

Dreissig Tage zu früh bist du gekrochen
unter dem Stein hervor, wo du geduldig,
starr und kalt bis ans Herz, kaum noch atmend,
träumtest von diesem Tag: Frühlings Erwachen!

Eidechse, höre auf mich: Such wieder Deckung!
Schwarz auf weiss wird leicht Beute der Dohlen.
Blinzelnd sieht sie mich an, und ich verstehe:
Sie ist‘s, die ihrerseits mir Warnung sein will.

 

 

Die Kraft der Worte

Ich bin so kreuzfidel gekrochen
aus meinem Fremdenzimmernest.
Kein Alb hat meinen Schlaf gebrochen.
Ein blauer Himmel lädt zum Fest.

In seinem Eierbecher lacht
vergnügt ein deutsches Frühstücksei
und durch das offne Fenster kracht
herein ein Pausenhofgeschrei.

Warum sollt ich mich heute sorgen
um irgendwelche Nichtigkeit?
An diesem hellen Frühlingsmorgen
bin ich zum Pferdeklau bereit.

Sag, soll ich dir ein Pony stehlen?
Sag, wär ein Rennpferd lieber dir?
Ein schönes Zaumzeug soll nicht fehlen!
Ups! Sattel doch vergessen, schier!

Die schwarzen Schatten lass ich wissen:
„Bleibt fort, wo ihr geblieben seid!“
Der schlimme Alb ist nun zerrissen,
durch einen Satz nur: „Tut mir leid!“

 

(Wir wollen keine Plagiate, darum: Dank an Ringelnatz.)

 

 

Züge rauschen

Züge rauschen rauschen durch schwarze
grell erblitzende Felsen tunnelnde
plötzlich endende Röhren

Weisse Raben flattern flattern
neonleuchtend Wagen schluckende
Mauern entlang und vergleissen

Schatten fliehen fliehen der Parze
tastend suchenden zittrig krallenden
ewigen Zwang zu zerstören

Äolsharfen fliegen dem Rattern
eiliger Räder seufzend voraus durch
heftig zitternde Fenster und Wände
welche berstend zerreissen

Schwarze Raben folgen folgen
Flügel schlagend niederwerfend
schockgefrorne Finsternis breitend
Wer wird das Schweigen hören?


Der Walfisch

Klopf Klopf Klopf Klopf
pocht mein Herz mit pene-
tranter Beharrlichkeit
gegen die Bauchwand des Walfischs.

Reiss Reiss Reiss
sperrt er seine Kiefer
wiederum klaffend auf,
nächster Robbe zum Schaden.

Taumel Taumel Taumel
Lass die Hoffnung fahren,
die du tauchst voll Furcht
in die Tiefen des Walschlunds.

Gurgel Gurgel Gurgel
Strudel brodeln im Innern.
Lauscher an der Wand
hört vernichtende Antwort.

Stille Stille Stille Stille
auf sein Klopfen, Rufen,
ohnmächt‘ger Liebe Wut,
hallt kein Echo wider.

Blubb Blubb Blubb Blubb
Laut auf einmal, drohend
rumpelt Fisches Bauch.
Scheu erzittern die Wasser.

Zisch Zisch Zisch
Aus des Untiers Tiefe
steigt zum Himmel empor
Springflut unendlichen Hasses.

Platsch Platsch Platsch
Welle über Welle
trifft das schwankende Boot.
Winzig, doch stark ist die Hoffnung.

Vernissonage - Die kalte Frau

Im Rücken steht ein helles Reckteck offen.
Gedämpftes Mikrofon spuckt heisse Luft.
Die Werke können nicht mehr tun als hoffen,
Dass Narr oder Kind beizeiten Einhalt ruft.

Im Park in grünem Schatten kauert sie,
Die Frau in nackter, kalter Bronzegestalt.
Die Arme um die Knie geschlungen wie
In stummer Abwehr öder Wortgewalt.

Ein schmaler Steg verheisst mir dunkel Glück.
Noch zieht mich Pflichtgefühl ins Licht zurück.
Ich frage mich, weshalb ich traurig bin.

Im Wind der Worte schwanken still die Gäste.
Die Frau aus Bronze winkt mit kühler Geste.
Halb zog sie mich, halb wankt‘ ich willig hin.

 

die stunde der gazellen

es ist die stunde der gazellen
sie irrlichtern lautlos durch den wald
die asche in den feuerstellen
wird langsam, unausweichlich kalt

es ist die zeit der frikadellen
die autobahn gestossen voll
im ascher liegt noch eine pelle
mein hefeweizen schäumt wie toll

 

 

oberlauchringen 98 - landed

ikarus ohne flügel gelandet auf schwarzer erde
furchig runzelt der acker die krumige stirn
steif gefrorene finger in nutzlosen socken verklebt
zeigen die richtung ohne zu wissen wohin

eiskalte knochen bereits beim ersten aufprall gebrochen
wurden beim zweiten schön in die furchen verteilt
frostige lider bedecken im eise verwelkte äpfel
schlagen die hoffnung ein in gnädigen schlaf

nachhall des traums von sorglosem reichtum und endloser fülle
streicht wie ein lächeln über die nachtschwarzen wangen
und von den hartgefrorenen lippen des jungen schläfers
löst sich unhörbar ein tonloser laut der verblüffung

steife glieder berühren die luft des gelobten landes
längs des stoppligen maisfelds duftet das unkraut
täuschend erzittert ein nasenflügel des toten als ob
hirsegeruch noch einmal die lebenskraft weckte

längst schon in zürich gelandet auf glühendem fahrwerk
warten sie gähnend am rollband auf rollis und koffer
während da draussen ihr heimlicher mitflieger schwarzer ikarus
zugedeckt wird von einer barmherzigen nacht

 

http://www.badische-zeitung.de/waldshut-tiengen/fluechtlingsdrama-wiederholt-sich--31645878.html

 

 

gägemittu - mixed season(ing)s

zerscht
en arm wo nümm cha
es härz wo nümm ma
e rügge wo chrumm isch
es lyde wo schtumm isch

denn
es oug wo dänkt
e hand wo länkt
es lache wo sprützt

es ziggle wo stützt

zletscht
mulegge wo tüe höuke
ysblueme wo tüe wäuke
en arm wo wider ma zieh
u schwaube wo tüe flieh

 

 

nuit blanche - Nach(t)klang

verklungene
klänge
klingen
fort
issimo

schwindende
schwäne
schwingen sich auf
flüchtigen flügeln
in weisse nächte
empor

tirez sur le pianiste

- paf!

 

 

Blumen im Laufgitter

frühlingsraster
ist aller laster ende
doch durch dunkelrote wände
dringt hell
und frech
der grünspan

 

 

 

wilma

katzen leiden still
sagte der tierarzt
wuff!
machte der hund im wartezimmer

sie trank noch...
sagte ich
mpff...
machte der tierarzt

aber jetzt... oder?
sagte ich
sitz...!
machte die frau im wartezimmer

aber was das fressen...
sagte ich
(braue hoch)
machte der tierarzt

sie meinen also...
sagte ich
(nicken)
machte das kinn

kein muskel mehr
sagte die spritze
ah... jetzt...
machte der mund dahinter

sie heisst wilma
sagte ich
(lächeln)
machte die TPA

dingdong!
machte die tür
mach platz...!
sagte die frau im wartezimmer

tschüss, wilma
machte ich
es ist so weit
nickte der tierarzt